Der Dr.-Benno-Wolf-Preis des VdHK

1945 endete in Europa ein Unrechtsstaat, der der Höhlenforschung in Österreich und Deutschland schwersten Schaden zufügte. Mit der Gleichschaltung aller höhlenkundlichen Vereinigungen in der Nazi-Organisation für Forschung und Kultur, dem "Ahnenerbe", war ein Klima der Denunzierung und Unfreiheit geschaffen worden, das schon lange vor dem Krieg jegliche Höhlenforschung vollständig zum Erliegen brachte. Höhlenkundler, die sich widersetzten oder nicht genehm waren, wurden ausgegrenzt und verfolgt. Ein besonders krasses Beispiel für dieses Vorgehen ist der langjährige Vorsitzende des Hauptverbandes österreichischer und deutscher Höhlenforscher, Dr. Benno Wolf.

Wolf wurde 1871 geboren. Er hatte jüdische Vorfahren, war aber evangelisch getauft. Wolf studierte Jura und kam nach Referendarszeiten im Rheinland und Hessen im Jahre 1912 nach Berlin-Charlottenburg, wo er seitdem als Richter am dortigen Landgericht tätig war. Im Rahmen seiner beruflichen Arbeit erstellte Benno Wolf z.B. den Entwurf des ersten deutschen Naturschutzgesetzes. 1933 kam er seiner Entlassung durch die neuen Machthaber mit einem freiwilligen Abschiedsgesuch zuvor.

 

Seit 1898 hatte sich Benno Wolf intensiv mit der Höhlenforschung beschäftigt und war rasch bekannt geworden. Er vollbrachte nicht nur für seine Zeit befahrungstechnische Höchstleistungen, z.B. in slowenischen Schachthöhlen, sondern entwickelte sich aufgrund seiner vielen Kontakte zum Nestor der deutschen Höhlenforschung: Wolf vermittelte Experten aus dem In- und Ausland für höhlenkundliche Projekte, beschaffte Geld für Forschungsvorhaben, publizierte einen noch heute gültigen weltweiten Höhlentierkatalog, redigierte die Hauptverbandszeitschrift bis 1937 und war langjähriger Vorsitzender des Hauptverbandes österreichischer und deutscher Höhlenforscher. Um den Verband politisch nicht zu sehr zu exponieren, legte Wolf den Vorsitz jedoch rechtzeitig vor der Machtergreifung der Nazis in andere Hände.

Vor allem besaß Wolf aber eine wertvolle und umfangreiche private höhlenkundliche Bibliothek, die ihm als Grundlage für die Arbeit an einem Welthöhlenverzeichnis diente - einem heute kaum mehr vorstellbaren Projekt. Mit der Untertageverlagerung von Teilen der NS-Rüstungsproduktion weckte dieses Material aber die Begehrlichkeiten der Nazi-Schergen. So schrieben ehemalige Höhlenkameraden, die es mittlerweile - fehlendes Fachwissen durch stramme Haltung ausgleichend - im "Ahnenerbe" zu Rang und Namen gebracht hatten, in heute noch erhaltenen Zeitdokumenten, dass man "diesen Wolf endlich von der Bildfläche verschwinden lassen sollte, um seiner Unterlagen habhaft zu werden".

Im Juli 1942 wurde Benno Wolf als 71jähriger im Berlin von der Gestapo verhaftet und nach Theresienstadt deportiert, wo er infolge der unmenschlichen Haftbedingungen im Januar 1943 starb.

Im Gedenken an diesen körperlich kleinen, aber für die deutsche Höhlenforschung großen Mann - den ersten deutschen Höhlenforscher von internationalem Format - vergibt der Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher seit 1996 den Dr.-Benno-Wolf-Preis. Mit diesem Preis sollen nicht nur besondere Leistungen im Höhlenschutz und in der Höhlenforschung gewürdigt werden, sondern es soll auch ein Zeichen gegen Intoleranz und Unfreiheit in der wissenschaftlichen Forschung gesetzt werden.

Es handelt sich um einen ideellen Preis, dessen Urkunde aus einem Bild besteht. Dafür konnte bisher die Höhlenforscherin und Künstlerin Angela Lohre (Reichshof-Eckenhagen) gewonnen werden.

Die bisherigen Preisträger des Dr.-Benno-Wolf-Preises des Verbandes sind:

1996: Prof. Dr. Hubert Trimmel (Wien)

1997: Petra Boldt (Schelklingen-Schmiechen) und Karl Hager (Nürnberg)

1999: Geologisches Landesamt Nordrhein-Westfalen (Krefeld)

2000: Bodo Schillat (Rinteln-Steinbergen)

2002: Dr. Herbert W. Franke (Puppling bei München)

2003: Prof. Dr. Wolfgang Dreybrodt (Bremen)

2004: Stefan Zaenker (Fulda)

2006: Dr. Klaus Dobat (Tübingen)

2007: Jörg Obendorf (München)

2008: Dieter Stoffels (Mülheim)

2009: Michael Laumanns (Berlin)

2010: Dr. Friedhart Knolle (Goslar)

Literatur zu Dr. Benno Wolf und den Hintergründen seines Todes

KATER, M.H. (1974): Das “Ahnenerbe”der SS 1935 – 1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches.- Studien Zeitgesch., Inst. f. Zeitgesch., dva

KNOLLE, F. (1990): Zur Geschichte der deutschen Höhlenkunde im Schatten des Nationalsozialismus.- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforsch. 36(1):4-10

KNOLLE, F. (2001): Nazi-“Höhlenerlasse”, militärische Höhlenkataster und alliierte höhlenkundliche Geheimdienstberichterstattung.- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforsch. 47(2):48-50

KNOLLE, F. & SCHÜTZE, B. (2005): Dr. Benno Wolf, sein Umfeld und seine interdisziplinäre Wirkung - eine Klammer zwischen den deutschen Höhlenforscherverbänden.- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforsch. 51(2):48-55

SCHAFFLER, H. (1991): Die “Höhlenforschung” im Dritten Reich.- Karst u. Höhle 1989/90:33-97

SPÖCKER, R.G. + (1986): Ahasver Spelaeus - Erinnerungen an Dr. BENNO WOLF. Bearbeitet und mit Anmerkungen versehen von F. REINBOTH und F. KNOLLE.- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforsch. 32(1):4-8

STOFFELS, D.: Dr. Benno Wolfs Wirken in Rheinland-Westfalen. In: Mitteilungen und Berichte Speläogruppe Letmathe. Nr. 2, Iserlohn 1987, S. 10-20

STOFFELS, D.: Dr. Benno Wolf - Ein Pionier der Höhlenforschung in Deutschland. In: Speläologisches Jahrbuch 1994. Verein f. Höhlenkunde in Westfalen, Iserlohn 1995, S. 78-83

STOFFELS, D.: Dr. Benno Wolf und das dunkle Kapitel deutscher Höhlenforschung. In: Der Höhlenforscher. 27 (1995) 2; 35 – 43, Dresden

STOFFELS, D.: Dr. Benno Wolfs Todesdatum festgestellt. In: Mitteilungen Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher. 41, Nr. 4, München 1995, S. 55

WAGNER, A. (1981): Erinnerungen an Landgerichtsrat Dr. Benno WOLF.- Mitt.-Bl. Abt. Karst- u. Höhlenkde. Naturhist. Ges. Nürnberg 14(1/2), Nr. 24:8-16

 


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