verschwundene Höhlen

Forever Lost Places - verschwundene Höhlen

Höhlen wurden und werden in allen Ländern zerstört, in denen es sie gibt – die überwiegende Mehrheit durch Gesteinsabbau. Dokumentiert werden derartige Fälle nur selten. Dies führt dazu, dass in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit, Politik und Behörden jeder neue Fall wieder als Einzelfall betrachtet wird. Eine Zusammenstellung aller zerstörten Höhlen für Deutschland soll diese Perspektive ändern. 

Gegenwärtig sind auf dieser Liste 687 Höhlen. Einige gut dokumentierte Fälle, die vor allem den hohen Wert dessen, was verloren wurde, erkennen lassen, werden im Folgenden dargestellt. Denn es verschwinden mit den Höhlen auch ihre umgebenden Landschaften und die Höhleninhalte wie archäologische und paläontologische Relikte und Tropfsteine, die als Klimaspeicher für die Wissenschaft wichtige Daten liefern. 

Deshalb ein dringender Appell an alle Grundstückseigentümer, Behörden und Höhlenforscher:
1. Höhlen und Karstgebiete vor Zerstörung zu bewahren
2. Wenn unumgänglich, sie zumindest vor der Zerstörung fachlich genau zu dokumentieren 
3. Zerstörungen zu melden,
da jede Höhle einzigartig, nicht ersetzbar oder wiederherstellbar ist. 

Karte mit Anzahl der verschwundenen Höhlen nach Katastergebiet

Vortrag zu verschwundenen Höhlen in Deutschland

Die Geschichte der Eiskapelle

Die Eiskapelle – ein verschwundenes Naturjuwel

In diesem Jahr will der VdHK darauf hinweisen, dass der Klimawandel vor Höhlen nicht Halt macht. Im Oktober 2025 mussten wir das Verschwinden der Firneishöhle Eiskapelle im Nationalpark Berchtesgaden hinnehmen.  
Die Eiskapelle am Fuße der Watzmann Ostwand war das am tiefsten liegende Firneisfeld Deutschlands und wurde durch die winterlichen Niederschläge in Form von Schneelawinen genährt. Im Frühling drang das Schmelzwasser aus der Watzmann-Ostwand in den Lawinenkegel ein, dadurch entstanden tunnelartige Gänge im Eis. Der Wind verstärkte diesen Prozess und formte glatte, manchmal bläulich schimmernde Eisflächen. Diese Eistunnel konnten bis zu 800 Meter lang sein.

Rückblick

Die Eiskapelle am Watzmann blickt auf eine bewegte Geschichte zurück: Als faszinierendes Naturphänomen und beliebtes Ziel für Abenteurer, Forscher und Sportler hat sie über die Jahrhunderte immer wieder für Aufmerksamkeit und leider auch für Gefahrenpotential gesorgt.
1797 besucht Alexander von Humboldt die Eiskapelle und dokumentiert sie als einer der ersten. Von 1963–1973 organisierte die Bergwacht Berchtesgaden um Pfingsten ein Skirennen auf dem Firneisfeld – den „Eiskapellenpokal“. Prominente Skifahrer wie Rosi Mittermaier und Christian Neureuther nahmen teil und danach wurde traditionell im Königssee gebadet.
Es kam aber auch zu tragischen Unfällen, da der Eingangsbereich jeden Sommer fragiler und die Höhlendecke dünner wurde. Wie 1984, als eine Eisbrücke am Eingang plötzlich zusammenstürzte, als sich eine Schulklasse dort befand. Ein Junge starb, drei weitere Schüler wurden schwer verletzt. 1994 stürzte ein Schüler in die Randkluft und konnte unterkühlt geborgen werden. Auch für Bergsteiger wurde das schmelzende Juwel zur Gefahr. 2016 wurde ein Bergsteiger durch gleitende Felsblöcke eingeklemmt, weil das Eis stark zurückgegangen war. Zwei Jahre später brach das stark auskragende Eisfeld an der Nordseite ab und riss einen Bergsteiger in den Tod.

Wissenschaftliche Erforschung

1991 begann die jährliche Dokumentation der Eiskapelle durch Höhlenforscher um Andreas Wolf. 1994 führte die Technische Universität München (TUM) erste Vermessungen durch, ab 2014 setzte die Hochschule München regelmäßig Drohnen, Kameras und Laserscanner ein, um die Entwicklung der Eiskapelle wissenschaftlich zu begleiten. So konnte man erkennen, dass die Eiskapelle in den letzten 30 Jahren einer wechselhaften Dynamik unterworfen. Von 1953 bis ca. 2005 war die Flächenentwicklung noch relativ stabil, es wurde nur ein sehr geringer Rückgang beobachtet. Dies änderte sich ab 2006 mit sehr großen Massenverlusten, die nur durch die sehr niederschlagsreichen Winter 2017/2018 und 2018/2019 temporär kompensiert werden konnten und im September 2025 leider zu einem Totalverlust führten.

Könnte die Eiskapelle wiederkommen und wenn ja, in welcher Größe?

Die Wiedergeburt der Eiskapelle ist von den Faktoren: winterlicher Niederschlag in Form von Schnee, kühle Sommer und geringe warme sommerliche Niederschläge abhängig. Da derzeit bei den drei genannten Faktoren, der diesjährige winterliche Niederschlag (2025/2026) fast nicht stattfand, die letzten drei Sommer Rekordtemperaturen aufzeigten und dadurch auch die sommerlichen Niederschläge warm ausfielen, ist mit einer zeitnahen Neuentstehung der Eiskapelle nicht zu rechnen. Erschwerend bildet das westliche Ende des Eisbachtales am Fuße der Watzmann Ostwand einen halbgeschlossenen Felsenkessel, in dem der Lawinenschnee zu einem Firneismassenkörper wächst. Der Felsenkessel wirkt wie in einem Brennglas, dessen Sonnenstrahlen durch die hellen Felswände reflektiert werden und damit das Wachsen und Wiedererstehen der Eiskapelle erschweren.
Inwieweit die Schneemassen der Watzmann-Ostwand als Firneis gegen die Wärme von Sommer und Regen ankommen und bestehen können, wird die Zukunft zeigen. Die Beobachtungen der Eiskapelle – dem 100. Geotop Bayerns - werden fortgesetzt und wir werden weiter darüber berichten.

Weitere Informationen zur Eiskapelle:
YouTube Vortrag von 2024 (ca. ab Min. 15) Andreas Wolf: Die Eiskapelle, 30 Jahre interdisziplinäre Forschung
Aus dem Magazin des Nationalparks Berchtesgaden
Eisige Schönheit -Vertikale Wildnis 32, 2018
Schwindende Schönheit - Vertikale Wildnis 45, 2024
Pressemeldung Nationalpark Bgd: Einsturz der Eiskapelle 09.09.25

Die Geschichte der Sachsensteinhöhle im Südharz

eine Schauhöhle im Gipskarst landet im Schredder

 

Als erste verschwundene Höhle soll die Geschichte der Sachsensteinhöhle bei Neuhof im Südharz hier noch einmal sichtbar werden. Die Höhle lag im südlichen Ausläufer des Sachsensteins im Gipskarst, unmittelbar über dem braunschweigischen Dorf Neuhof. Ihr Eingang wurde erstmalig um das Jahr 1860 bei Steinbrucharbeiten aufgeschlossen und wieder zugeschüttet. 1928 wurde sie erneut freigegraben und am 5. Mai 1929 als Schauhöhle eröffnet. Dr.-Ing. Friedrich Stolberg, der Nestor der Harzer Höhlenforschung, schrieb hierzu 1930: „Der Hauptreiz der Sachsensteinhöhle in ihrer Eigenschaft als Schauhöhle beruht … auf der Großzügigkeit des Raumeindruckes in Verbindung mit der Phantastik unterirdischer Blockmeere. Die Lage in unmittelbarer Nachbarschaft des Bades Sachsa dürfte auch die Vorbedingung zu einer einigermaßen günstigen wirtschaftlichen Weiterentwicklung in sich tragen.“

Die Sachsensteinhöhle ist mittlerweile spurlos verschwunden. In unmittelbarer Nähe zur ehemaligen Lage der Höhle gab es ein 1988 stillgelegtes kleines Gipswerk. Einen bedeutenden Aufschwung erlebte das Gipswerk am Sachsenstein erst nach dem 2. Weltkrieg. Da der Steinbruch alsbald an die natürliche Vorkommensgrenze des hier anstehenden Gipsgesteins stieß, wurde mit der Planung begonnen, das Gestein oberhalb der Höhle abzubauen. Dass die Sachsensteinhöhle dadurch irreparablen Schaden nehmen würde, wurde in Kauf genommen. Und obwohl die Sachsensteinhöhle bereits als Naturdenkmal in das Naturdenkmalbuch des Kreises Blankenburg eingetragen war, wurde die Aufhebung dieses Schutzstatus beantragt. 

Als schlagkräftiges Argument wurde wieder einmal der ansonsten drohende Verlust an Arbeitsplätzen vorgeschoben (Braunlager Zeitung vom 27.5.1951). Man malte an die Wand, dass ansonsten 35 bis 38 Leute ihre Arbeit verlieren würden. Das war also schon zu damaliger Zeit ein beliebtes Druckmittel der Gipsindustrie. Zur Aufhebung des Naturschutzes musste nun allerdings ein Gutachten über die Schutzwürdigkeit eingeholt werden. Ein Gutachter bescheinigte anschließend, dass die Höhle abgebaut werden könne unter der Auflage, dass es einen engen Kontakt mit der Naturschutzbehörde zwecks Sicherung ggf. vorgeschichtlicher Zeugnisse gibt. Die Harzer Höhlenforscher, allen voran Dr. Stolberg, erfuhren von dem der Höhle drohenden Schicksal erst 1951, als es bereits zu spät war. Aus heutiger Sicht kann man hierzu nur anmerken, dass es anscheinend den Plan gab, eventuelle Einsprüche durch die Schaffung vollendeter Tatsachen abzuwehren – ein auch in der heutigen Zeit anzutreffendes Prozedere.

Der Kompromiss wurde in der Presse als Erfolg gefeiert. Man vertrat die Auffassung, dass die Sachsensteinhöhle nur von mäßiger Schönheit sei und man ja die nahegelegene Einhornhöhle besichtigen könnte. Dass es sich hierbei um völlig verschiedene Höhlentypen handelte, fand offenbar überhaupt keine Berücksichtigung.

Bericht zu Gipsabbau und Arbeitsplätzen 1950 
 

Literatur 
Brederlow, C.G.F. (1846): Der Harz. – Braunschweig

Fricke, U. (2021): Die Zerstörung der Sachsensteinhöhle. – Mitt. Arbeitsgem. Karstkunde Harz 42 (1+2): 3-9

Reinboth, F. (1983): Erinnerungen an die Sachsensteinhöhle bei Neuhof. – Mitt. Arbeitsgem. Karstkunde Niedersachsen 1983 (4): 10-17; auch in www.karstwanderweg.de

Reinboth, F. (2013): Chronik der Gipsindustrie in Walkenried und Neuhof. – Clausthal-Zellerfeld, S. 20 f.

Stolberg, F. (1929): Die Sachsensteiner Höhle. – Mitteldeutscher Nachrichtendienst, Bericht 50, S. 2, Halberstadt

Stolberg, F. (1930): Die Sachsensteinhöhle bei Neuhof am Südharz. Eine Studie zur Schlottenfrage. – Mitt. üb. Höhlen- u. Karstf. 1930 (1): 19-22

Zerstörung und Höhlenschutz?

Das erste Naturschutzgesetz Deutschlands wurde bereits 1920 erlassenen – es war das preußische „Kleine Naturschutzgesetz“, das aus der Feder des Mentors der deutschen Höhlenforschung Dr. Benno Wolf stammt. Dennoch dauerte es 78 Jahre, bis 1998 Naturhöhlen zumindest als Habitat in das Bundesnaturschutzgesetz aufgenommen wurden. Es bedurfte dazu der Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie der Europäischen Gemeinschaft. Als Lebensraumtyp 8310 sind natürliche Höhlen jetzt europaweit als Lebensraum für Tiere geschützt. Für einen Schutz als Geotop kämpfen wir immer noch. Höhlen führen nach wie vor ein Schattendasein in der öffentlichen Wahrnehmung. Man sieht sie nicht, sie sind für die Öffentlichkeit nicht „präsent“. Dabei haben Höhlen mit Quellen als Habitat ein Merkmal gemeinsam: Sie sind unersetzlich. Eine zerstörte Höhle kann nicht wiederhergestellt werden, und es kann auch keine Ersatzhöhle geschaffen werden, selbst wenn unbeschränkte Mittel zur Verfügung stehen würden. Der vom Gesetzgeber geforderte Ausgleich von Zerstörungen, der bei vielen oberirdischen Habitaten möglich ist, wenn auch mehr schlecht als recht, ist bei Höhlen ein Ding der Unmöglichkeit. Eine zerstörte Höhle ist für immer verloren.